
Das Wetter entscheidet nicht nur darüber, wie genussvoll und angenehm deine Tour wird. Gerade im Gebirge kann es schnell zum Sicherheitsfaktor werden. Deshalb solltest du das Wetter immer im Auge behalten – und zwar von der Planung zu Hause bis zur Rückkehr ins Tal.
Rund ums Bergwetter kursieren viele Weisheiten – manche fundiert, andere irreführend. Gebirgsmeteorologin Verena Stoll aus dem Allgäu hat an der Uni Innsbruck Atmosphärenwissenschaften studiert und gehört zum Team der Mountain Meteorologists, das sich auf Wetterprognosen und Meteorologie im Gebirge spezialisiert hat. Im folgenden Beitrag nimmt sie fünf besonders hartnäckige Mythen unter die Lupe.

Der Klassiker unter den Bauernregeln: Roter Himmel am Morgen soll Regen ankündigen, Abendrot dagegen schönes Wetter. Tatsächlich steckt dahinter ein meteorologischer Zusammenhang – als verlässliche Wettervorhersage taugt die Regel aber nicht.
„Dieses Sprichwort kann man drehen und reimen, wie man will. Und allein an der Tatsache, dass man sich das so hindrehen und reimen kann, wie es einem gerade reinpasst, merkt man schon, dass nicht so viel Wahrheit dahintersteckt. Es hängt damit zusammen, wo die Sonne steht und wo die feuchte Luft herkommt. Dort, wo die feuchte Luft ist – sprich das schlechte Wetter –, dort kann sie durch die Sonneneinstrahlung eine schöne Verfärbung geben.”
Fronten ziehen bei uns meist von Westen heran. Morgenrot entsteht dann, wenn der Himmel im Osten noch klar ist, während im Westen bereits feuchte Luft und Wolken aufziehen. Sie streuen das Sonnenlicht und färben den Himmel rötlich. Beim Abendrot ist es umgekehrt: Die Sonne scheint im Westen unter einem klaren Himmel, während eine Front bereits nach Osten weitergezogen ist und dort das Licht rötlich streut. Deshalb ist die rötliche Färbung morgens im Westen und abends im Osten lediglich ein Hinweis darauf, wo gerade feuchte Luft in der Atmosphäre steht. Ein verlässliches Signal für die Tour ist sie nicht, denn Wetterfronten können genauso gut aus einer anderen Richtung kommen oder sich anders entwickeln.

Kein Donner, keine Gefahr. Klingt logisch, ist am Berg aber der falsche Reflex.
„Was bei Gewittern in den Bergen megatückisch ist: Wenn wir gerade in Tälern unterwegs sind, kann sich ein Gewitter im nächsten Tal aufbauen, und wir hören und sehen lange nichts davon – bis es auf einmal ums Eck kommt und wir direkt mit drin sind.”
Dunkle Quellwolken, die weit hoch in den Himmel wachsen und unter Umständen schon am oberen Ende fasrig ausfransen sind ein Warnsignal für ein bald aufkommendes Gewitter – auch wenn wir noch keinen Donner hören.
Verlass dich auf den Bergwetterbericht, beobachte die Wolken und nutze Blitzortungs-Karten. Plane den Gipfeltag außerdem so, dass du am frühen Nachmittag zurück im geschützten Gelände bist, denn häufig entwickeln sich Gewitter erst im Tagesverlauf.

Kurze Hose, T-Shirt, Sonnencreme – im Sommer scheint das für viele für eine Bergtour völlig auszureichen. In den Alpen kann das ein Trugschluss sein.
„Viele gehen davon aus, dass sie im Sommer am Berg keinen Schnee vorfinden. Zum einen sollte man gerade im Frühsommer den Restschnee bedenken, der sich in Rinnen und Mulden brutal lang hält, zum Teil bis in den August. Gleichzeitig kann bei einer Nordwetterlage auch mal kühlere Luft aus Grönland bei uns vorbeischauen, und vor allem so ab 2.000 m aufwärts kann das durchaus noch als Schnee runterkommen.”
Solche Kaltlufteinbrüche werden vom Deutschen Wetterdienst und vom Alpenvereinswetter zuverlässig angekündigt. Ein Blick auf den Wetterbericht vor der Tour hilft, um nicht überrascht zu werden. Außerdem gilt: Auch im Sommer gehören eine zusätzliche Wärmeschicht und leichter Wetterschutz zur Grundausstattung am Berg.

Ein Blick aufs Handy, Sonne oder Regen, fertig. So einfach ist es leider nicht. Verena erklärt es mit einem Bild aus der Küche:
„Stell dir einen Marmorkuchen vor, den wir in viele kleine Würfel schneiden. Dann suchen wir uns einen Würfel aus – der ist zum Beispiel schwarz. Die angrenzenden Würfel hatten vielleicht auch schon ein bisschen weißen Teig dabei. Wenn wir bei einer Wetter-App einen Punkt eingeben, sucht sich die App genau diesen einen Würfel aus. Sagt der Würfel «da regnet es», sagt die App «es regnet». Sagt der Würfel nebenan «es regnet nicht», sagt die App «es regnet nicht». Heißt aber nicht, dass es nicht kurze Zeit später oder genau nebenan trotzdem regnen kann und zu uns rüberschwappt.”
Wetter-Apps arbeiten mit Modellrastern, die im Gebirge oft zu grob sind. Kleinräumige Prozesse wie einzelne Gewitterzellen fallen durchs Raster. Der Punkt auf der App-Karte ist eben kein Berg, sondern ein Würfel im Modell.
„Wetter-Apps vereinfachen das komplexe Wetter extrem. Deswegen nur eine Wetter-App zur Tourenplanung zu verwenden, ist definitiv gefährlich – und für mich nicht ausreichend.”
Für unterwegs bleibt die Wetter-App trotzdem eine sinnvolle Ergänzung. Grundlage für die Planung ist der Bergwetterbericht – also nicht der Wetterbericht fürs Tal, sondern fürs Gebirge.

Ein wolkenloser Morgen stimmt optimistisch. Für die Nachmittagsplanung sagt er wenig aus.
„Vorsicht: Nicht jedes sonnige Wetter bedeutet einen guten Bergtag. Quellwolken können sich auch dann bilden, wenn es am Vortag keine gab oder die Wolken flach geblieben sind. Wichtig ist, dass man sie – falls sie entstehen – genau beobachtet. Wenn sie in die Höhe wachsen, können sich daraus Gewitter entwickeln.”
Ein stabiles Sommerhoch erkennst du daran, dass der Himmel den ganzen Tag klar bleibt oder dass nur kleine, flache Quellwolken sichtbar sind, die nicht weiter in die Höhe wachsen. Sobald Quellwolken kompakt werden und aufsteigen, ändert sich die Lage.
Jeder Bergtag entscheidet sich neu, und auch mehrere sonnige Tage hintereinander sind keine Garantie für einen gewitterfreien Nachmittag.
Fünf Mythen im Rucksack sind fünf Fehleinschätzungen zu viel. Was hilft, ist ein einfacher Dreiklang:
Und wenn du das Wetterlesen im Gelände üben willst: Frag einfach deine Berg- oder Wanderführer:in auf Tour. Wir zeigen dir gern, worauf wir selbst achten.
Du willst nicht nur Mythen entlarven, sondern das Bergwetter selbst besser einschätzen können? In unseren Ausbildungskursen lernst du, Bergwetter richtig einzuschätzen, Touren sicher zu planen und auch bei wechselnden Bedingungen die Orientierung zu behalten. Hier geht es zu den Ausbildungskursen.
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Verena Stoll ist Meteorologin aus dem Allgäu und hat sich auf Gebirgsmeteorologie spezialisiert. Zusammen mit ihren Kolleg:innen betreibt sie die Mountain Meteorologists – Kurse, Vorträge und Prognosen für alle, die im Gebirge unterwegs sind. Für ihre Heimat veröffentlicht Verena außerdem regelmäßig lokale Wetterprognosen auf ihrem WhatsApp-Kanal „Wetter OA.









































































































































































































