
Gemeinsam aufmerksam – damit das Bergerlebnis bleibt
Ein langer Tag in den Bergen liegt hinter uns. Die Schuhe stehen im Trockenraum, der Rucksack ist abgestellt und in der Gaststube wartet das Abendessen. Genau so soll sich ein Hüttenabend anfühlen. An Bettwanzen denkt dabei wohl niemand gerne – und dennoch beschäftigen sie Hütten, Alpenvereine, Bergschulen und Bergsteiger zunehmend.
Wichtig ist deshalb zuerst eine klare Einordnung: Bettwanzen sind kein Zeichen mangelnder Hygiene und kein spezielles Problem von Berghütten. Sie können überall auftreten, wo Menschen übernachten, und werden häufig unbemerkt über Gepäck oder Kleidung weitergetragen. Nach heutigem Wissensstand übertragen sie keine Krankheiten.
Im Allgäu beschäftigen sich die DAV-Sektionen Allgäu-Immenstadt, Kempten und Oberstdorf gemeinsam intensiv mit dem Thema.
OASE alpin hat darüber mit Michael Fracaro, Geschäftsführer der DAV-Sektion Allgäu-Immenstadt, gesprochen.
OASE alpin: Michael, was hat sich beim Thema Bettwanzen in den vergangenen Jahren verändert?
Michael Fracaro: Lange waren es eher vereinzelte Fälle. In den vergangenen drei bis vier Jahren sind aber immer mehr Hütten betroffen. Inzwischen haben jedes Jahr etwa 60 bis 70 Hütten der alpinen Vereine ein leichtes bis schweres Bettwanzenproblem. Gerade ältere Berghütten mit ihren Ritzen und Verwinkelungen bieten gute Rückzugsmöglichkeiten. Für uns ist deshalb klar geworden: Das Thema wird uns länger begleiten und wir müssen lernen, sinnvoll damit umzugehen.
OASE alpin: Sind Bettwanzen gefährlich – und haben sie etwas mit mangelnder Hygiene zu tun?
Michael Fracaro: Nach heutigem Wissensstand übertragen Bettwanzen keine Krankheiten. Sie sind unangenehm, aber kein reines „Bergproblem“. Und ganz wichtig: Ein Befall ist kein Hygieneproblem. Genau dieses Bewusstsein möchten wir stärker vermitteln.
OASE alpin: Wie gehen die Allgäuer DAV-Sektionen mit dem Thema um?
Michael Fracaro: Uns hat es in den vergangenen Jahren auf verschiedenen Hütten unterschiedlich stark getroffen. Deshalb haben die Sektionen Allgäu-Immenstadt, Kempten und Oberstdorf gesagt: Wir brauchen ein gemeinsames, systematisches Vorgehen. Dabei können wir auf dem Wissen des DAV-Bundesverbandes aufbauen. Besonders wichtig ist uns die Aufklärung der Gäste. Denn das ist weder allein ein Problem der Wirtsleute noch der Sektionen – es betrifft am Ende alle. Schon ein paar kleine Maßnahmen können sehr viel helfen.
OASE alpin: Ich komme als Übernachtungsgast auf einer Hütte an. Was sollte ich konkret beachten?
Michael Fracaro: Zunächst gelten natürlich immer die Regeln der jeweiligen Hütte. Was man vermeiden sollte: nach der Ankunft alles auf dem Bett verteilen. Getragene Kleidung möglichst zusammenhalten und in einem verschließbaren Beutel verstauen. Nasse Sachen können wie gewohnt im Trockenraum aufgehängt werden. Auch den Rucksack sollte man möglichst geschlossen aufbewahren und nur so kurz wie nötig öffnen.
Wo eine Hütte eine entsprechende Mikrowelle zur Verfügung stellt, kann außerdem ein metallfreier Hüttenschlafsack für etwa eine halbe bis dreiviertel Minute erhitzt werden. Ein einfacher Hüttenschlafsack aus reiner Seide oder Baumwolle eignet sich dafür gut, sofern er keine Metallteile besitzt.
OASE alpin: Auf einer Alpenüberquerung wechselt man täglich die Unterkunft. Wie verhält man sich dort?
Michael Fracaro: Genauso wie auf der ersten Hütte. Es geht nicht nur darum, eine einzelne Unterkunft zu schützen, sondern Bettwanzen nicht von Hütte zu Hütte und schließlich mit nach Hause zu nehmen. Sie können sehr lange ohne Nahrung überleben. Deshalb ist es auch Selbstschutz, diese Maßnahmen während der gesamten Tour beizubehalten.
OASE alpin: Und was mache ich nach der Tour zu Hause?
Michael Fracaro: Den Rucksack nicht auf dem Bett auspacken. Besser ist beispielsweise die Waschküche oder eine Bade- beziehungsweise Duschwanne. Die Kleidung anschließend zügig bei der höchsten Temperatur waschen, die sie verträgt. Auch der Rucksack kann gereinigt beziehungsweise gewaschen werden.
Gemeinsam statt gegeneinander
Am Ende geht es nicht darum, einen Schuldigen zu suchen. Bettwanzen sind ein Thema, das Hüttenwirte, Alpenvereine, Bergschulen und Gäste gleichermaßen betrifft. Die wichtigsten Maßnahmen sind dabei erstaunlich einfach: Rucksack und getragene Kleidung nicht offen am Schlafplatz liegen lassen, die Vorgaben der jeweiligen Hütte beachten und die empfohlenen Maßnahmen auf einer Mehrtagestour konsequent beibehalten.
Für Michael Fracaro steht deshalb vor allem eines im Mittelpunkt: Gemeinschaft.
Wenn alle Beteiligten offen und respektvoll mit dem Thema umgehen und ihren Teil beitragen, lässt sich die Weiterverbreitung erschweren – ohne dass dabei verloren geht, worum es auf einer Hütte eigentlich geht: Gemeinschaft, ein guter Hüttenabend und besondere Tage in den Bergen. Das Bergerlebnis soll ein Bergerlebnis bleiben.
Weitere Informationen finden Sie im ausführlichen Blogbeitrag:
Hilfe! Die Bettwanzen sind wieder da.