Tourenbericht Walserweg, 20. bis 25. Juni 2004                                                   

 

Text und Bilder: Birgit Hiller - vielen Dank an Werner Ott und alle, die dabei waren!

Links im Text stellen meine ganz subjektive Auswahl und nicht unbedingt eine objektive Empfehlung dar; für die Inhalte sind die jeweiligen Betreiber verantwortlich. Die angeklickten Seiten öffnen sich in einem neuen Fenster. Auch die Fotos können durch Anklicken in einem neuen Fenster etwas größer dargestellt werden.

 

Sonntag: Vom Kleinen Walsertal über den Hochalppass an den Körbersee

Montag: Zur Biberacher Hütte auf dem Schadonapass

Dienstag: Durchs Große Walsertal, quer durchs Montafon in Richtung Rätikon

Mittwoch: Unter der Sulzfluh über das Drusentor nach St. Antönien

Donnerstag: Hoch über Klosters nach Schlappin

Freitag: Nach Klosters und zurück nach Oberstdorf

 

 

Sonntag: Vom Kleinen Walsertag über den Hochalppass an den Körbersee 
                                                                                                       

Punkt halb elf am Sonntag, den 20. Juni 2004, steigen wir in den Bus von Oberstdorf nach Bad: Werner, unser Bergführer, zehn Wanderer und ein Hund. Unser Ziel heißt Klosters, erreichen wollen wir es auf dem Walserweg. Dieser Fernwanderweg verfolgt die Spuren der Walser zurück, die seit dem Ende des 12. Jahrhunderts das Wallis verließen und sich in den Hochtäler der Alpen bis ins heutige Kleinwalsertal, aber auch bis ins Berner Oberland oder nach Süden bis ins Piemont ansiedelten.

 

In Oberstdorf kennen wir uns anscheinend alle schon ganz gut aus. Nur für einen kleinen Teil unserer Gruppe ist dies die erste Wanderung mit der Oase alpin. So hält auch das übliche Begrüßungsritual - Rucksack wiegen und trotz sorgfältigster Planung noch etwas auspacken - keine Schrecken bereit. Eher könnten schon die Schirme ein Anlass zur Beunruhigung sein, die Thomas Dempfle aus dem Oase-Bestand ausgibt: Das Wetter lässt Regen erwarten. In höheren Lagen liegt noch sehr viel Schnee, und es ist ungewöhnlich kühl für die Jahreszeit, vor allem im Vergleich zum letzten Sommer. Es steht jetzt schon fest, dass wir nicht alle vorgesehenen Routen begehen können, Rachen und Sulzfluh am vierten Tag werden mit Sicherheit ausfallen.

 

Um ja keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, kommentiert Werner trocken, dass uns die vorgesehenen Höhenmeter pro Tag trotz einiger leichterer Streckenabschnitte nicht erspart bleiben werden. Ausgestattet mit Oase-Sonnenkappen, in diesem Jahr in Dunkelblau, wären wir aber auch an unerwartet schönen Tagen perfekt für schweißtreibende Anstiege ausgerüstet.

 

                                                                                                            

Blick ins Kleinwalsertal - da kommen wir her

 

 

 

 

 

 

 

 

Blick zurück ins Kleinwalsertal: Da kommen wir her.

  

 

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Von Baad, dem letzten Ort am Ende des Kleinwalsertals, geht es durch Wiesen und Wälder bei leichtem Nieselregen zum Hochalppass. Bei den Trinkpausen haben wir die schweren Rucksäcke für die Woche zurechtgeschüttelt und erste Kleidungschecks vorgenommen: sitzt alles. Sammy, der Hund von Sabine und Manfred, nimmt sein neues Rudel in Augenschein. Noch machen sich die beiden Gedanken, wie sich Sammy auf seiner ersten Bergtour halten wird: Sie haben ein ganzes Arsenal an Spezialhundefutter, Leckerli, Leine und auch ein paar Erziehungshilfen dabei, für alle Fälle.

 

Beim Anstieg kommen Altschneefelder in Sicht. Das Gelände am Hochalppass macht einen spätwinterlichen Eindruck. Lange kann es hier noch nicht getaut haben. Das bestätigt uns der Blick in die Runde, als wir auf der Höhe angelangt sind. Zum Hochtannbergpass geht es wieder abwärts. Leider ist der Weg über die nassen Graspolster schmal und für die letzten in unserem Lindwurm auch schon ganz schön lehmig. Hosenbeine und Schuhe sehen aus, als seien wir schon eine Woche am Wandern und nicht erst wenige Stunden. Und während ich noch über dreckige Hosen sinniere und darüber, wie Bergführer es schaffen, meist makellos auszusehen, haut es mich der Länge nach in den Matsch. Auch der Rucksack bekommt eine Ganzpackung. Zu den erlaubten acht Kilo Rucksackgewicht sind jetzt mindestens noch zwei dazu gekommen...

 

Der Weg zum Körbersee führt über nasse Almwiesen weiter. Dass wir erst relativ spät aufgebrochen sind, macht sich bei einigen am Hungerast bemerkbar. Wer im Bahnhof von Oberstdorf nicht noch schnell etwas eingekauft, den Wanderproviant aber für die vergleichsweise kurze Strecke heute ganz nach unten gepackt hat, knurrt sich jetzt den Weg entlang. Gespräche über Mahlzeiten, diverse Lebensmittel, deren Zubereitung und Kaloriengehalt werden deshalb strikt untersagt.   

 

Das Hotel Körbersee (www.koerbersee.at)  entschädigt für alle Ungemach: nur Doppelzimmer, weiß bezogene Betten, heiße Duschen, warmes Wasser im Zimmer. Die freundliche Wirtin hilft mir für die große Hosenwäsche mit einem Eimer aus.                                                                                 

                                                                                   

Werner Ott, unser Bergführer

Werner Ott, unser Bergführer: Ihm werden wir in den nächsten Tagen nachlaufen. Manchmal läuft er allerdings auch hinterher... um dann ganz plötzlich von links zu überholen.

                         

 

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In der Gaststube sammeln sich die anderen derweil vor ersten Getränken, Kaffee und Apfelstrudel. Sechs Wolfsburger, ergänzt durch einen Franken, kennen sich und sind schon öfter zusammen gewandert, wenn auch noch nie mit Hund. Zwei Nordlichter stellen sich als Vater und Sohn heraus, die das erste Mal gemeinsam eine Tour machen. Ich komme aus Süddeutschland ("Wir können alles, außer Hochdeutsch", aber "es gibt Badische und Unsymbadische"!), werde aber vom Franken Josef und von Bergführer Werner als halber Walser, Allgäuer und Bewohner des Kleinen Walsertals zum Glück sprachlich unterstützt. Im Kontakt mit den Leuten in Österreich und der Schweiz, die uns unterwegs begegnen werden, wird sich die Fähigkeit zum Verstehen südlicher Dialekte und Spezialbegriffe noch als nützlich erweisen.

 

Im Abendlicht verziehen sich die Wolken, und die Berge rund um den Körbersee zeigen sich mit Gipfeln und Schneefeldern: ein letzter Blick auf Allgäuer Gipfel wie den Widderstein. Morgen werden wir schon weit weg gewandert sein.

 

Das Hotel lässt uns vergessen, dass wir auf einer Bergwanderung sind: Weiß gedeckte Tische im Speisesaal, Grillteller, auch die Vegetarier werden gut bedacht. Danach kann von Hüttenruhe keine Rede sein. Im Nebenzimmer steht ein Fernseher, immerhin ist Fußball-EM! Auch die anderen Wanderer, die heute aus Oberstdorf aufgebrochen sind, leisten dem Sport auf der Mattscheibe Tribut. Sie werden übrigens fast die einzigen Bergwanderer sein, denen wir im Lauf der Woche begegnen werden.

 

Der Körbersee - im Juni definitiv noch zu kalt zum Baden

Der Körbersee - im Juni definitiv noch zu kalt zum Baden

                               

 

 

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Montag: Zur Biberacher Hütte auf dem Schadonapass

 

Am Montagmorgen machen wir uns auf den Weg zur Biberacher Hütte, von der aus wir am nächsten Tag ins Große Walsertal absteigen wollen. Werner erzählt viel über die Walser. Am Vortag hat er uns schon erste Details über die Geschichte vermittelt, die die Besonderheiten dieses über ein so großes Gebiet verstreuten Wandervolkes aufzeigen. So verfügten die Walser in den Gegenden, in denen sie sich ansiedelten, beispielsweise noch mehrere Jahrhunderte lang über ihre eigene Gerichtsbarkeit. Werner kennt sich gut aus, ist mit einer Walserin verheiratet und Mitglied in der Walservereinigung (zum Beispiel: www.vorarlberger-walservereinigung.at, www.walserverein-gr.ch).  Schon seltsam, dass eine kleine Völkerwanderung, die so lange zurückliegt, heute noch über die gemeinsame Sprache die Grenzen von vier Ländern überwindet.

 

Den vorgesehenen Weg zur Biberacher Hütte können wir zumindest teilweise vergessen: Über das "Fürkele", auf den Karten auch als  "Fürggele" verzeichnet, werden wir nicht kommen. Zwar hat das Wetter am späten Vormittag wunderbar aufgeklart, aber überall ist in den höheren Lagen viel Schnee zu sehen. So nutzen wir den normalen Anstieg zur Hütte, der ein Stück auch dem Fahrweg folgt. Und wer anfangs im Stillen dachte, wie langweilig, wird schnell eines besseren belehrt: Der Fahrweg ist so steil, dass man sich wirklich fragt, wie hier selbst ein Geländewagen hinaufkommen soll. Er schraubt sich durch ein weites Tal mit Wiesen, Tannen und vereinzelten Zirbelkiefern oder Arven (die die Walser hier regelrecht angebaut haben, weil sie das hier eigentlich nicht verbreitete Holz schätzten). Richtig spannend wird es auf der Höhe des Schadonapasses, als die Hütte schon fast in Sicht ist. Meterhohe Schneewände zeugen von einem harten Winter. Erst vor knapp zwei Wochen hat der Wirt die Fahrstrecke mit einem kleinen Bagger frei geräumt, um die Biberacher Hütte überhaupt öffnen zu können (www.alpenverein-biberach.de/huette/).

 

In der Wirtsstube sehen wir auf ganz aktuellen Fotos, dass die Schneemauern vor ein paar Tagen noch wesentlich höher waren. Jeden Tag werden die beiden Kinder auf der Hütte diese ganze Strecke morgens zur Schule hinuntergebracht und nachmittags wieder heraufgeholt.

 

Der Weg zur Biberacher Hütte, gerade erst freigeräumt

Der Weg zur Biberacher Hütte, gerade erst freigeräumt

 

     

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Am späten Nachmittag pfeifen zwar eisige Winde um die Biberacher Hütte. Trotzdem  ist die Sonne so verführerisch, dass im Windschatten alle vor sich hindösen. Nur Werner ist nicht auf der Terrasse. Er zeigt sich erst eineinhalb Stunden später wieder, mit hochrotem Kopf: In der Sonne einzuschlafen, bekommt auch erfahrenen Bergführern nicht gut. Als wir vor dem Wind schließlich doch in die Stube flüchten, ist es so kalt, dass der Kachelofen extra für uns angeheizt wird. Einige Bergsteigerzeitschriften überbrücken die Zeit bis zum Abendessen. Das zweiseitige Foto der Huberbuam (Thomas und Alexander Huber, www.huberbuam.de) vor El Capitan im Yosemite lässt zumindest uns vier Frauen ganz neue Reize am Bergsport entdecken... 

 

Die erste fast gemeinsame Lagernacht entlarvt weit mehr Schnarcher als angekündigt. Rosi ist in kluger Voraussicht gleich geflüchtet und hat in der leeren Hütte ein Zimmer für sich ergattert. Auch Sabine und Manfred hätten eine ruhige Nacht haben können; sie durften mit ihrem Hund Sammy allein ins Winterlager. Doch die Kälte und die hohe Luftfeuchtigkeit haben uns allen zu schaffen gemacht.

 

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Dienstag: Durchs Große Walsertal, quer durchs Montafon in Richtung Rätikon

 

Am nächsten Morgen jagt uns Werner im Schweinsgalopp einen schmalen Wiesensteig hinunter: Das Wetter macht ihm Sorgen, und aus diesem steilen Gelände will er uns heraus haben, bevor der Weg nass und glitschig wird. Bald landen wir auf einer Forststrasse, und hier stört es uns auch nicht, als es tatsächlich anfängt zu regnen. Wozu haben wir Schirme dabei? Und als sich herausstellt, dass man die Oase-Schirme wunderbar in den Brustgurt stecken und so die Hände gemütlich in den Taschen behalten kann, mault auch keiner über das Wetter. Allerdings wird die Straße gerade neu planiert. Wir kommen beim besten Willen nicht an der Baustelle vorbei, und so laufen wir in flottem Tempo noch einen extra Kringel, um nach Buchboden im Großen Walsertal zu kommen. Der Tag ist noch lang, und wir haben einen Termin!

 

In Buchboden werden wir mit dem Kleinbus abgeholt und nach Sonntag gebracht, zur Besichtigung des Walsermuseums (www.walsermuseum.at). In dem ehemals von mehreren Familien bewohnten Haus lässt sich der Alltag anhand von Stube, Werkstätten, Milchkeller oder Käserei gut nachvollziehen. Das soziale Leben, das Verhältnis der Walser zu Politik und Kirche ist mit vielen Schriften und Urkunden nachvollziehbar dargestellt. Wir erfahren angesichts ausgesprochen kurzer Betten auch, dass man früher im Bett eher saß als lag, und dass die Walser als groß und kräftig und nicht etwa als besonders klein gelten. Werner bekommt da allerdings einen zunehmend unruhigeren Gesichtsausdruck; mit einigen der vorgestellten Fakten ist er gar nicht einverstanden. Als Fachmann in Sachen Walsergeschichte verzichtet er aber höflich auf Einwände.

 

Nach einem Mittagessen in Sonntag überbrücken wir die Strecke durchs Montafon mit dem Kleinbus. Wer wach bleibt, bekommt bei der Fahrt durch Bludenz fast einen Zivilisationsschock, obwohl wir gerade mal zwei Tage in den Bergen waren. Mit der Golmerbahn (www.golm.at), die trotz des nicht hundertprozentig schönen Wetters in Betrieb ist, fahren wir hinauf und ersparen uns so einiges an Höhenmetern. Wer allerdings gemäß der Tourenbeschreibung der Oase davon ausgegangen ist, jetzt ginge es nicht mehr weiter bergauf, der irrt sich gewaltig. Dafür entschädigen die vielen Alpenblumen entlang des Latschätzer Höhenwegs. Die Namen kann uns Werner alle nennen.

 

Die Lindauer Hütte ist mit die schönste Alpenvereinshütte, die die meisten von uns bisher kennen gelernt haben (www.members.aon.at/lindauerhuette/). Sie hat, so Werner, in den vergangenen Jahren immer wieder Auszeichnungen erhalten. Auch die andere Gruppe auf dem Walserweg hat sich hier einquartiert. Nach dem Abendessen gehen wir in den alpinen Lehrgarten, den die DAV-Sektion Lindau angelegt hat. Hier sind Pflanzen aus der gesamten Alpenregion zu sehen. Es stellt sich heraus, dass Werner als ehemaliger Lindauer hier wie zu Hause ist: Er kennt alle Kletterwände rund um die Hütte, zum Beispiel an den Drei Türmen, und hat auch am Garten mitgearbeitet. Leider blüht hier noch nicht viel. Und ohne die Farbe und Form der Blüten können Uneingeweihte an den Pflanzen allein selten erkennen, was sie vor sich haben. Dafür vertiefen sich die beiden Experten Werner und Josef in Fragen der Zucht und Pflege dieser für Flachlandtiroler exotischen Gewächse. Der in der Zwischenzeit die Sulzfluh im Abendnebel bewundernde Laie bekommt lediglich noch mit, dass man (in Oberstdorf käuflich! erworbene) Edelweiß nicht düngen, sondern nur kalken darf.

                                                                                                                                                    

                                                                                      

Der Alpengarten hinter der Lindauer Hütte

Hinter der Lindauer Hütte ist ein wunderschöner alpiner Lehrgarten angelegt. Leider blüht noch nicht viel.

                                                                                                                                                                            

 

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Mittwoch: Unter der Sulzfluh über das Drusentor nach St. Antönien

 

Schon am Abend ist Werner verdächtig hippelig. Ihm tut es anscheinend überhaupt nicht leid, dass der eigentlich für den Mittwoch vorgesehene Aufstieg zur Sulzfluh nicht geht: Der Rachen, sowieso nur eine Felsrinne mit wohl recht viel Schotter, ist nur als steil abfallendes Schneefeld zu erkennen. Wir werden die Grenze zwischen Österreich und der Schweiz über das Drusen- oder auch Drusator passieren. Beim Frühstück ist Werner richtig aufgeregt, und nun ist deutlich erkennbar, es ist Vorfreude: Wir werden den ganzen Tag im Schnee aufsteigen, bei erkennbar immer besser werdendem Wetter.

Kurz hinter der Lindauer Hütte muss Hund Sammy wieder mal an die Leine: Der Tannenwald ist, so Werner, voller Hirsche, der Hund hat sie offenbar gewittert. Sammy weiß es noch nicht, aber - dies wird sein Tag.

                                                                                                            

So viel Schnee und trotzdem so heiß...

So viel Schnee und trotzdem so heiß

- auf dem Weg zum Drusentor

                                                                                                     

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Werner tritt perfekte Spuren in den teils hüfttiefen Altschnee. So sind wir, immer als Lindwurm dicht hinter ihm her, bald im steilen Gelände. Nur den ausgeaperten Steinen nicht zu nahe kommen, hier bricht man leicht ein. Die andere Gruppe aus Oberstdorf, angeführt vom Samojedenspitz Aldan ihres Bergführers, holt uns erst bei einer Rast ein. Sammy, der bisher wie ein Wilder durch den Schnee getobt hat, traut sich nicht so recht, fordert Aldan aber zum Spiel heraus. Nur, der ist viel zu würdevoll und erwachsen, kennt den Weg und steht irgendwann weit voraus direkt unter der Wand der Sulzfluh.

Sammy lernt: Im Schnee ist Geschwindigkeit alles. Wer möglichst wenig Bodenkontakt hat, bricht auch nicht ein. Den Rest des Tages wird er uns Hunderte von Metern voraus sein, immer wieder in vollem Galopp zurückkommen, um seine Herde auf Vollständigkeit zu überprüfen, um dann wieder auf Aldans Spuren mal schnell einen mehrere hundert Meter höheren Nebengipfel nach Murmeltieren abzusuchen. Wie man sich im Schnee möglichst effektiv abkühlt, lernt er ebenfalls vom Bergführerhund: eingraben und wälzen. Nur einmal, schon jenseits des Drusentors, kriegt er Probleme mit dem Bremsen: Er jagt ein langes Schneefeld hinunter, das unversehens in einer abgetauten Mulde endet. Da die Pfoten alle vier noch in der Luft weiterrennen, landet er mit dem Hinterteil im Matsch.                                                                                                                      

                                                                                                              

Sammy zählt seine Herde durch

Sammy hat alles im Blick und zählt seine Herde durch,

auf dem Weg zur Carschinahütte

                                                                                                      

 

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Unterhalb der Sulzfluh erreichen wir die Carschinahütte, auf 2236 Metern (www.carschinahuette.ch, funktioniert zur Zeit nicht, auch www.css.ch/carschinahuette.pdf, dazu wird der Acrobat Reader benötigt). Auch diese Hütte ist erst seit wenigen Tagen geöffnet. Auf den umgebenden Schneefeldern sind keinerlei Fahrspuren erkennbar. Wie Lebensmittel und alles weitere für den Hüttenbetrieb heraufgebracht wurden, erkennen wir bei einem Blick ins Tal hinunter: Der Hüttentransporter steht in einer Mulde im Schnee, und der weitere Weg wird hier nicht etwa mit dem Bagger freigeschaufelt, sondern von Hand. Was wir verzehren oder trinken, ist das letzte Stück hinaufgetragen worden.                                                                                                   

                                                                                                              

Auch die Carschinahütte ist erst seit wenigen Tagen geöffnet.

Auch die Carschinahütte ist erst seit wenigen Tagen geöffnet. Hier wird der Weg von Hand frei geschaufelt.

 

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Nach einer ausgiebigen Pause machen wir uns an den Abstieg. Kein Schnee mehr für Sammy, je tiefer wir kommen, desto mehr blüht entlang unseres Weges. In Partnun, wie fast alle Orte auf unserer Tour eine Walsersiedlung, hat uns schon die Zivilisation mit Topfpflanzen vor den Häusern wieder. Dass wir tatsächlich von Deutschland in die Schweiz gelaufen sind, merken wir auch daran, dass wir Euroland verlassen haben. Wer sich jetzt nicht mit Franken und Rappen eingedeckt hat, musste schon auf der Carschinahütte mitrechnen. Rivella, das "Sportgetränk mit 33 Prozent Milchserum", löst den österreichischen Almdudler ab, und Bier gibt es ab jetzt in der handlichen 0,58 Liter-Flasche.

 

Was die Schweiz allerdings noch an Attraktionen bereithält, darauf könnte zumindest ich verzichten. Die angeblich fast zehn Kilometer bis zu unserem Ziel für Mittwochabend, dem Ort St. Antönien, werden wir mit dem Bergroller zurücklegen. Die hier Trottinettes genannten Geräte sehen aus wie eine Mischung aus Mountainbike und Kinderspielzeug, sind angeblich mit extrem guten Bremsen ausgerüstet und leicht zu fahren. Die anderen haben gut lachen: Sie kennen die Bergroller schon vom Ende der Allgäu-Runde mit der Oase, und sie sind geübte Radfahrer.

Bis ich mich auf dem Teil stehend zurechtgezittert habe und sich meine weißen Knöchel wieder etwas durchbluten, sind sie samt Werner schon außer Sicht. Ich bremse mich durch enge Kurven auf einer nicht mehr als einspurigen Teerstraße (wenn mir nun jemand entgegenkommt!), schiebe vorsichtig durch gepflasterte Wasserrinnen (das ist bestimmt schweineglatt!), komme durch Ansiedelungen, von denen ich hoffe, dass es sich nicht um St. Antönien handelt (grinsende und kichernde Eingeborene säumen meinen Weg!), und steige schließlich in der Ortsmitte völlig erledigt von meinem Gefährt. Lieber zu Fuß auf die Zugspitze! Dass jedes Jahr Menschen nur wegen der Trottinettes nach St. Antönien fahren, dass schon Achtzigjährige diese Strecke unter lauten Jubelschreien zurückgelegt haben und die gemessene Höchstgeschwindigkeit bei über 70 km/h liegt, halte ich persönlich für ein Gerücht!

                                                                                                              

In der Schweiz heißen Bergroller Trottinettes.

Mit solchen Trottinettes oder Bergrollern stürzen sich kühne Bergwanderer gen St. Antönien.

 

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Der Verleiher der Trottinettes stellt sich auch als unser Wirt heraus, er bewirtschaftet mit seiner Frau den über 300 Jahre alten Michelshof (www.michelshof.ch). Keine gerade Wand, steile Treppen, ein dunkelgrüner Kachelofen, selbst die Rucksäcke bleiben auf dem schiefen Holzboden gerade so stehen. Dafür gibt es ein Luxusbad, wieder Zimmer statt Lager, wir werden mit frischem Salat, Hirtenmakkaroni (Makkaroni, Kartoffeln, Sahne, Bergkäse) und Nachtisch verwöhnt, es gibt edle Weine zur Auswahl und, die Krönung: Die Familie lässt uns in ihr Wohnzimmer, um das Spiel Deutschland gegen Tschechien zu sehen. Die Niederlage trifft einige von uns bitter: Markus etwa erscheint am nächsten Morgen mit deutlichen Augenringen und wird mit sanftem Schweizer Spott beim Frühstück belohnt.

 

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Donnerstag: Hoch über Klosters nach Schlappin

 

Die Tagesetappe am Donnerstag zeigt, dass wir jetzt eigentlich richtig gut in Form für längere Wanderungen wären, anstatt am Tag darauf wieder nach Oberstdorf zurückzukehren. Vom hoch über St. Antöniens Ortsmitte gelegenen Michelshof führt uns der Weg steil hinunter. Doch schnell sind wir nach einem kurzen Einkauf auf der anderen Talseite durch dichte Blumenwiesen wieder ebenso hoch gestiegen. Werner stellt beim Blick zurück fest, dass man zu Fuß innerhalb kurzer Zeit ganz schön weit kommen kann.

 

Gerade liegt die Zivilisation ausreichend hinter uns, dass man den Morgenkaffee hinter einen Busch bringen könnte, da  naht das Unheil: Es trägt Hörner, muht und zählt mehrere hundert Beine. Die St. Antönier sind beim Almauftrieb.

Werner schimpft in seinen Kragen "da kommen wir nie vorbei" und treibt uns zu größerer Eile an. Als er sieht, dass die Kuhherde zum Fressen kurz auf die Wiesen rechts und links vom Weg gelassen wird, sieht er seine und unsere Chance. Und nun lernen wir, w i e  w e i t man zu Fuß innerhalb kurzer Zeit kommen kann, wenn man nur s c h n e l l genug steigt, und dass gewisse Bedürfnisse auch durchaus mal die ein oder andere Stunde zurückstehen können. Als unser Bergführer endlich anhält, wird nicht mehr groß nach Herren- oder Damenseite oder gar nach Büschen gefragt. Die Kuhherde aber haben wir weit unter uns gelassen.                                                                                                                       

                                                                                                              

Am Jägglischhorn geben ziehende Wolken den Blick in die Täler frei.

Am Jägglisch-Horn geben ziehende Wolken nur zögerlich den Blick in die Täler frei.

 
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Der Aufstieg zum Jägglisch-Horn ist steil, doch der Ausblick durch die ziehenden Wolken nach beiden Seiten in die Tiefe entschädigt für alles. Die letzten Schneefelder lassen uns noch einmal an den wunderbaren Tag gestern denken. Oben steht ein immer deutlich werdender roter Fleck - das kann kein Steinmal oder Wegweiser sein. Er entpuppt sich schließlich als die Jacken eines Wandererpaares, das hier oben Rast gemacht hat. Wider Erwarten ist es halbwegs windstill, und wir genießen die Aussicht.

 

Über den Prättigauer Höhenweg steigen wir zur Massplatte ab. Mulden in der trockenen Vegetation und erstes neues Grün lassen uns erneut rasten. Die Sonne kommt immer deutlicher durch und wärmt. Hier oben, schon fast über Klosters, sind mehr Menschen unterwegs als wir in den ganzen vergangenen Tagen zuvor gesehen haben. Auf dem Weg zur Bergstation der Madrisa-Bahn (www.madrisa.ch) kommen uns immer wieder vereinzelte Wanderer, eher schon Spaziergänger, entgegen. Die Wiesen sind zerklüftet von Skiabfahrten und Reifenspuren. Das Restaurant im Betonklotz der Bergstation verlockt uns trotzdem zur Kaffeepause, wir haben noch viel Zeit. Die brauchen wir auch, denn wieder erweist sich das Umrechnen der Preise in Euro, die ausdrücklich als Zahlungsmittel akzeptiert werden, als recht kompliziert, selbst mit Taschenrechner oder unter Zuhilfenahme von Kollegen und dem Wirt.

 

Immer entlang der Bergkette über Klosters wandern wir weiter ans Ende des Tals. Unsere Gruppe hat sich weit auseinander gezogen. Vorne machen Markus und sein Vater Hans das Tempo, Werner bummelt in der Mitte nach. Doch dann beschließt er, uns ein letztes Mal zu zeigen, was Tempo ist. Markus sieht nur noch seinen Kondensstreifen, als sich unser Bergführer wieder an die Spitze setzt. Ein letztes Mal wird es steil und eng, und einmal geht es sogar an Handläufen und über eine Eisentreppe - was will man mehr. Durch einen dichten Wald, mit Flechten überwachsen und von Blumenwiesen aufgehellt, steigen wir nach Schlappin ab, wo wir im "Gemsli" ein letztes Mal übernachten werden (www.gemsli.ch).

 

 

Hinter der Kurve liegt Klosters.

Ein letzter Blick auf Berge, Wälder und Wiesen: Hinter der Kurve liegt Klosters im Tal.

                                                                                     

 

 

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Dieser Berggasthof überrascht uns mit einer Art Luxuslager: alle in einem Raum, sogar der Hund, aber zwei Duschen und einer Toilette direkt daneben. Wir bewundern ausgiebig die frisch renovierte Zirbelstube im Haupthaus, in der wir uns nach dem Duschen erholen. Die Wirtin klärt uns auf: 1948 ist der Raum zuletzt renoviert worden, und das Holz, auch das Tannenholz im Anbau, sieht nur dank regelmäßiger Pflege so gut aus. Nach Saisonende, bevor für den Winter geschlossen wird, schrubben die Eigentümer Wände, Böden und Decken mit Schmierseife ab. Früher benutzten sie dazu Scheuerlappen mit Kupferfäden, heute wird das Holz dank Mikrofaser-Wischtüchern mehr geschont. Ins letzte Spülwasser kommt ein Schuss Terpentin, um das Holz zu nähren. Eine ganze Woche brauchen sie dazu...

 

An unserem letzten Abend werden wir wieder hervorragend bekocht, und zum Austrocknen hat auf dieser Tour sowieso keiner Gelegenheit gehabt. Grund genug, ein letztes Mal im Lager so richtig zu schnarchen.

 

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Freitag: Nach Klosters und zurück nach Oberstdorf

 

Bergkäse zum Frühstück, dicke Stiefel an den Füßen, Ziegen, die auf einer blumenbestandenen Wiese neugierig hinter einer Scheune hervorlugen, all das wird in wenigen Stunden der Vergangenheit angehören. Nach dem Abstieg nach Klosters steht noch das Nutli-Hüschi auf dem Programm.

 

Dieses Walsermuseum mitten in Klosters (www.klosters.ch) entstand aus der privaten Sammelleidenschaft eines Winterthurer Kurgastes. Er ließ das Prättigauer Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert um hundert Meter auf sein eigenes Grundstück versetzen und stattete es mit vielen alten Walser Gebrauchsgegenständen, Möbeln, Urkunden und weiteren interessanten Stücken aus. Der Kontrast zwischen den bäuerlich gehaltenen Räumen und den Zeugnissen ebenfalls ausgestellten bürgerlichen Lebens aus vier Jahrhunderten ist groß. Von der Führerin erfahren wir viel Vertiefendes und erhalten Antworten auf einige Fragen, die uns schon seit dem Walsermuseum in Sonntag beschäftigen. Waren die Walser wirklich so groß? Nein, wohl eher deutlich kleiner als heutige Durchschnittsmaße. Im Bett gesessen wurde allerdings nicht nur in Sonntag, sondern auch in Klosters: damit der Teufel nicht durch den geöffneten Mund flach liegender Schnarcher eindringen konnte! Hätte man vorher wissen sollen.

 

Nun bleibt nur noch die Rückfahrt nach Oberstdorf. Dort gehen wir ein letztes Mal gemeinsam etwas trinken. Die weiteren Etappen des Walserwegs, bis nach Zermatt, wird die Oase im kommenden Jahr im Programm haben. Na dann!

                                                                                     

                                                                                                              

Sammy träumt von Murmeltieren und Schnee.

"Und Montag muss ich wieder ins Büro..." Sammy träumt von Schnee und Murmeltieren.

       
 
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