„Das hält!“
Fünf Tage im Alpinen Basiskurs im Kaunertal
Bergschule Oase-alpin.de
„Jetzt musst du mich hochziehen!“ – einigermaßen verzweifelt richtet Jonas den Blick nach oben. Seine Füße finden an der glatten Felswand keinen Halt mehr, nur noch mit einer Hand krallt er sich fest, mit der anderen greift er nach dem Seil. Aber es kann ja eigentlich nichts passieren. Ich habe ihn sicher am Seil hängen, das ich mit einem „Halbmastwurf“ um den Karabinerhaken gelegt habe. Diesen Knoten haben wir in den vergangenen zwei Tagen bestimmt 50 Mal geübt – jetzt kommt es darauf an. Verschwitzt und glücklich steht Jonas schließlich neben mir auf dem Felsvorsprung und blickt in die Tiefe. 50 Meter unter uns stehen die Rucksäcke in der Sonne. Irgendwo über uns klettert Georg im Fels herum. Er ist unser Bergführer und derjenige, auf den wir uns fast blind verlassen. Wenn Georg sagt „Das hält!“, dann glauben wir das, auch wenn wir uns einer sechs Millimeter dicken Seilschlinge anvertrauen sollen. Georg weiß, wovon er redet.
 

Vor drei Tagen sind wir im österreichischen Kaunertal angekommen. Das Gepatschhaus, eine aus dem vorletzten Jahrhundert stammende Herberge auf knapp 2000 Meter Höhe, ist für eine Woche unser Zuhause. Dunkles Holz, warme Stube – das Haus entspricht ganz und gar unseren klischeehaften Vorstellungen. Es herrscht eine ausgesprochen gemütliche Atmosphäre. Das Essen ist reichlich und gut, die Herbergsfamilie leitet ihr Unternehmen mit freundlicher Souveränität. Von der Terrasse blickt man auf den Gepatschferner, hinter dem sich die über 3500 Meter hohe Weißseespitze erhebt, die wir am Ende dieser Woche erklimmen wollen. Vor diesem Panorama hat uns Georg am ersten Abend begrüßt und das Programm vorgestellt: Zwei Tage am Fels, zwei Tage im Eis und zum Abschluss die Weißseespitze. Auf dem Foto im Flur der Herberge sieht der schneebedeckte Berg mächtig aus.

Halbmastwurf und Apfelstrudel

Wir, das sind neun sehr unterschiedliche Menschen, die bei der Oberstdorfer Bergschule Oase-Alpin den Basiskurs „Ausbildung in Fels und Eis“ belegt haben. Eine solide Grundausbildung ist uns versprochen worden: Klettern und Abseilen, Gehen mit Steigeisen und Eispickel, die Bergung aus Gletscherspalten. Einige haben Vorkenntnisse. Die beiden Marathonläufer Silke und Karsten haben schon Hochtouren durchgeführt und wollen ihr Wissen vertiefen. Erfahrung im Bergwandern haben auch Reimund, der Elektrotechniker aus Hessen, und das Brandenburger Ärzteehepaar Marion und Uthard, die ihren 16-jährigen Sohn Julius zum Mitkommen überredet haben. Miriam, Studentin aus Regensburg, kann klettern, fühlt sich aber im Hochgebirge eher unsicher. Jonas und ich wandern gern, von Klettergurten und Seilen haben wir aber keine Ahnung.
Der Himmel ist blau, als ich früh am ersten Morgen aus dem kleinen Fenster unserer Schlafkoje blicke. Nach dem Frühstück packen wir schnell unsere Rucksäcke und legen – alle sind jetzt etwas aufgeregt – den Klettergurt an. Daran baumeln verschiedene Karabinerhaken und einige mir bis dato unbekannte Schlingen und Bänder, die wir, Georgs Anweisungen minutiös folgend, am Vorabend befestigt haben. Nach einer halben Stunde Fußmarsch kommen wir am Klettergarten an. „Sollen wir da hochklettern?“, fragt Jonas ungläubig. Wir blicken die achtzig Meter hohe Felswand hinauf, in der man durch die eingeschlagenen Haken die verschiedenen Routen erkennt. Ein „Helmnazi“ sei er nicht, erklärt uns Georg. Ob wir den Helm aufsetzen wollen, überlässt er uns, allerdings nicht ohne darauf hinzuweisen, dass man bei einem Steinschlag sehr glücklich über die vielleicht lästige Kopfbedeckung sein würde. Zum ersten Mal blitzt der trockene Humor unseres Bergführers auf, der die Stimmung der kommenden Tage nicht unerheblich prägen wird.
Alle bemühen sich redlich die ersten Übungen zu absolvieren. Wir lernen zu unterscheiden zwischen dem Vor- und dem Nachsteiger, üben Sackstich und den Halbmastwurf, der mir besonders schwer fällt. Jene, die ihre schweren Bergschuhe gegen Kletterschuhe getauscht haben, sind von der Haftung an der Felswand fasziniert. Angenehm erschöpft sitzen wir später in der Abendsonne und genießen den vorzüglichen Apfelstrudel des Gepatschhauses.

Breitbeinig übern Geltscher

Auch der nächste Tag wird zum Erlebnis. Im Gänsemarsch geht es einige Hundert Meter den Gletscher hinauf. Etwas breitbeinig sollen wir gehen und mit der ganzen Fläche des Fußes auftreten, damit sich die Zacken ordentlich ins Eis bohren können. Die ersten Begegnungen mit den berüchtigten Gletscherspalten. Georg erklärt uns, wie und wo sich Längs- und Querspalten bilden. Ein Anseilen in einer Dreier- oder Vierergruppe sei nur dann sinnvoll, erklärt er, wenn die Spalten durch Schnee verdeckt sind. Bei den gegenwärtigen Verhältnissen seien wir selbst schuld, wenn wir in eine Spalte fallen. Wir üben trotzdem, wie man in einer Seilschaft geht, ohne dass ein Stürzender alle mit sich in die Tiefe reißen würde.
Durch zwei Eisschrauben gesichert, klettern wir mit Pickel und Frontalzackentechnik eine Eiswand hoch. Hat man einmal Vertrauen zur Tragkraft der Steigeisen gefasst, kann man sogar nach unten blicken, ohne weiche Knie zu bekommen.

Am Nachmittag des dritten Tages klettern wir in drei Seilschaften über drei Seillängen im Klettergarten. Georg ist über uns und unter uns, er schlägt vor und gibt zu bedenken. Einige seilen sich früher ab. Andere wollen immer höher steigen. Nach drei Stunden und im beginnenden Nieselregen haben sich alle wieder auf den sicheren Boden abgeseilt. Niemand ist gestürzt. Auch Georg sieht erleichtert aus. Ich habe das Gefühl, meine Höhenangst verloren zu haben, und bin froh, dass ich den Halbmastwurf, um Jonas zu sichern, richtig geknüpft hatte – trotz meiner neu erkannten Knotenschwäche. Wir fühlen uns gewappnet, die Weißseespitze in Angriff zu nehmen.

Auf die Weißseespitze

Frühstück um 6 Uhr. Georg wirkt etwas verstimmt ob der der Tatsache, dass das Licht über unserem Tisch nicht funktioniert. Wir sind viel zu aufgeregt, um uns mit solchen Kleinigkeiten zu beschäftigen. Die Rucksäcke haben wir schon am Abend gepackt. Nach einer Stunde Marsch entlang der Piste des Sommerskigebiets beginnt der Aufstieg. Georg sieht auf ein Barometer und weißt darauf hin, dass der Luftdruck so schnell gefallen ist, dass eine aufziehende Schlechtwetterlage angenommen werden müsse. Er runzelt die Stirn, scheint unsere Lage abzuwägen. Halb im Scherz, halb im Ernst kommt er auf den Ausfall der Lampe beim Frühstück zurück und sagt, bisher sei er mit der „Dreierregel“ gut durchs Gebirge gekommen: Wenn drei Sachen nicht so sind, wie sie sein sollen, kehrt man besser um. Aber heute könnten wir doch weitergehen.
Der Weg wird schwieriger und verliert sich langsam. Die Rucksäcke drücken und das Atmen wird schwerer. Es ist kühl. Wolken rasen an uns vorbei. Käme jetzt ein Gewitter, müssten wir sofort umkehren. Doch plötzlich reist der Himmel auf, die Sonne knallt auf uns herab. Der Blick ist überwältigend. Weit vor uns, am Ende des Grades, ist das Gipfelkreuz der Weißseespitze zu erkennen. Rechts und links geht es unangenehm tief herunter. Zwei wollen bei Georg ans „kurze Seil“. Wir anderen sichern uns selbst, in dem wir uns mit einer Kletterschlaufe am Eispickel festmachen und diesen bei jedem Schritt in den Schnee rammen. Die letzte halbe Stunde steigen wir schweigend und schwer atmend durch den weichen Schnee nach oben, dann ist es geschafft. Brot und Käse, dampfender Tee und Schokolade. Was für ein schöner Tag und was für ein Glück mit dem Wetter! Beim leichten Abstieg über den sonnenbeschienenen Gepatschferner denke ich schon an die nächste Tour.

Dominique John