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| 1.
Tag: |
Während ich mit dem Zug
in aller Frühe von Freiburg Richtung Oberstdorf fahre, um mich
pünktlich um 11 Uhr mit den anderen am OASE Bergschulbüro zu
treffen, lasse ich noch einmal die Reizwörter der
Tourenbeschreibung auf mich wirken. Von "bunten
Blumenwiesen" ist da die Rede, von "faszinierenden
Rundblicken" und "wunderschönen Sonnenuntergängen".
Klingt verlockend. Die Gehzeiten und Höhenangaben versuche ich
indessen taktisch klug zu umlesen.
Als eine der letzten erreiche ich die Gruppe und
blicke in lauter freundlich wirkende Gesichter, die ich erst später
zuzuordnen lerne: Joe und Kiki aus Haan, die zusammen mit Alex und
Martin aus Wuppertal gekommen sind, Renate und ihr Sohn Markus aus
Schwetzingen, Thea (Maria Theresia!) aus Passau, Udo aus Köln,
Horst aus Berlin, Anita aus Wiedemannsdorf, Nicola aus Landshut und
unsere Bergführer Georg und Manfred aus Lindenberg.
Bevor wir uns auf den Weg machen, wiegt Georg
probeweise unsere Rucksäcke. Anita ist bereits dabei, mit beiden
Händen Dinge wieder herauszuschaufeln, bei deren Anblick mir die
Augen übergehen. Was will sie mit den unzähligen Brausetabletten
und einem Kulturbeutel, auf dessen Größe Julia Roberts neidisch
gewesen wäre? Unterwegs stellt sich dann allerdings heraus, dass
wir alle unsere kleinen Luxusgüter dabei haben. Alex und ich
ertappen uns gegenseitig bei der Mitführung eines Föns, Kiki
schleppt einen Tirner mit sich herum, der geworfen mit Sicherheit
tödlich ist, und andere haben sich mit Technik ausgerüstet, als da
wären schwere Teleobjektive oder Handies.
Nach letzten vorbereitenden Maßnahmen (Wo ist das
Klo?) starten wir mit einem Kleinbus zur Spielmannsau, um von dort
zur Kemptner Hütte außzusteigen. In etwa drei Stunden sollen die
850 Meter Höhenunterschied zu bewältigen sein. Kaum sind wir
losgegangen, beginnt es zu regnen. Aber noch sind wir guten Mutes,
hüllen die Rucksäcke in zusätzlichen Kunststoff, steigen selbst
in atmungsaktive Membranen und schwitzen uns so allmählich bergan.
Meine Jacke denkt allerdings gar nicht daran, Luft zu holen, und so
bin ich wie aus dem Wasser gezogen. Von den anderen erfahre ich,
dass es ihnen ähnlich ergeht. Geteiltes Leid ist halbes Leid! Was
wir alle noch nicht ahnen: Die Nässe wird uns in den nächsten
Tagen hartnäckig begleiten. Mal von innen, mal von außen, meistens
aber von beiden Seiten.
Auf der Kemptner Hütte wimmelt es nur so von
Wanderern, und wir versuchen, unsere tropfenden Sachen und
müffelnden Schuhe noch irgendwie zwischen die der anderen zu
quetschen. Manfred kommt und trägt außer seinem eigenen auch noch
Anitas Rucksack, weil sie schon jetzt nicht mehr kann. Wir quirlen
in die aufgehetzte Hütte und freuen uns erstmal auf ein
gemütliches Abendessen.
Zu zehnt liegen wir in der Nacht in einem
winzigen, sauerstoffarmen Raum. Bin ich beim Wandern auch Laie, hier
bin ich Profi: Durch zahlreiche Schnarcher leidvoll geprüft,
gehört zu meiner Ausrüstung Ohropax. Kiki und Alex bändigen ihre
holzverarbeitenden Männer dagegen mechanisch durch leichte Hiebe in
die Seite oder Wendemanöver. An Udo und Horst traut sich allerdings
niemand zu rütteln, so daß die Nacht trotz allem unruhig wird.
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| 2.
Tag: |
Der nächste Morgen
beginnt mit einer herben Enttäuschung: Es regnet wieder! Während
wir mit Unbehagen in unsere noch klammen Klamotten steigen, trifft
Anita die Entscheidung aufzugeben. Wir verabschieden uns von ihr,
heimlich ein bisschen neidisch darauf, dass sie nun bald wieder im
Warmen und Trockenen sitzen wird. Doch so schnell will keiner von
uns das Handtuch werfen.
Triefend erreichen wir das Mädelejoch - die
Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Hier ringt sich Georg
zu einer kleinen Ansprache durch, die auch nötig ist, denn sehen
können wir in dem Fisselregen höchstens fünfzig Meter weit. Und
trotzdem ist es ein erster ganz winziger Triumph: Wir stehen auf
über 2000 Metern und haben einen markanten Punkt erreicht.
Von da an geht es bergab. Unser Weg ist ein
plätschernder Bach. Auch von den Hängen ringsum tröpfelt und
rauscht es. Auf den Kapuzen prasselt das Wasser. Weil ich nicht
friere, fühle ich mich in dieser dunstigen, ruhigen Welt auf einmal
ganz wohl. Nach und nach erreichen wir wieder die Baumgrenze. An
einem Hang hat eine Lawine große Tannen oder Fichten geknickt und
einen Streifen der Verwüstung hinterlassen.
Während Thea, Renate, Udo und Horst locker
ausschreiten, spüren wir anderen allmählich unsere nicht
ausreichend trainierten Beinmuskeln. Besonders Joe quält sich mit
der Zeit immer mehr. Nach einer Meniskusoperation und einem
Motorradunfall, bei dem er sich das Fußgelenk brach, ist er noch
nicht wieder völlig hergestellt. Wir bewundern den Galgenhumor und
die Zähigkeit, mit der er sicherlich nicht geringe Schmerzen
erträgt. Aber auf uns alle hat die Gruppe einen disziplinierenden
Effekt.
Als wir gegen Mittag den Ort Holzgau im Lechtal
erreichen, ist klar, dass Joe eine Schonpause für seine Knochen
braucht. Wir essen noch zusammen in einem Gasthof, während die
freundliche Wirtin unsere triefenden Klamotten ohne Zaudern in ihren
Wäschetrockner füllt. Dann heißt es vorübergehend Abschied
nehmen. Joe und seine Frau Kiki bleiben über Nacht in Holzgau. Am
nächsten Mittag wollen sie wieder zu uns stoßen. Ein komisches
Gefühl; außerdem wird es ohne Kiki ziemlich still... Wir anderen
besteigen zwei Taxibusse und lassen uns ins Madautal fahren, von wo
wir zur Memminger Hütte aufsteigen wollen, die immerhin wieder auf
2242 Metern liegt. Dankbar nehmen wir den Rucksacktransport mit der
Materialseilbahn an.
Müde und vor allem durchgeweicht erreichen wir am
frühen Abend unser Nachtquartier und haben es diesmal fast für uns
allein, denn am nächsten Tag will der Hüttenwirt die Saison
beenden, "weil der Schnee dann runterkommt". Letzterer hat
es anscheinend ziemlich eilig, denn bei einem Blick aus dem Fenster
entdecken wir, das die Schneegrenze uns klammheimlich näher rückt
Zum Abendessen gibt es Käsespätzle und heißen
Tee, was unsere Lebensgeister wieder weckt. Von Martin lernen wir,
dass eine Wolldecke auf den Knien "muckelig" ist. Er hat
das auch nötig, denn seine lange Trainingshose liegt zuhause und
hält sich warm. Trotzdem gehen alle so früh ins Bett wie wohl seit
ihrem 10. Lebensjahr nicht mehr. Denn am nächsten Tag wollen wir
bereits um sieben Uhr aufbrechen. Der längste Tag der Tour liegt
vor uns.
Beim Zähneputzen mit dem Gletscherwasser habe ich
das Gefühl, dass mir der Zahnschmelz in lauter kleine Scherben
zerspringt. Ich schiele nach den anderen. die offensichtlich auch
nur die nötigsten Reinigungen an sich vornehmen: Dreck- wärmt!
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| 3.
Tag: |
Schon das Aufstehen
kostet Überwindung. Es ist kalt im Schlafraum, und beim
Trepperuntersteigen hätte John Wayne seine Freude an uns.
Erstaunlich, wo man überall Muskeln hat, die wehtun können.
Dann geht es los. Zum ersten Mal ohne Regen. Es
ist noch zu früh für echte Prognosen, doch der Himmel sieht
vielversprechend aus. Und wir haben Glück. Es wird ein strahlender
Sonnentag. Georg erklärt uns, wo wir raufsteigen müssen, was
Markus ein erschüttertes "Wie, zu Fuß???" entlockt. Ober
die Seescharte kraxeln wir ins Lochbachtal und haben einen
grandiosen Blick. Endlich kann man mal Fotos machen und die
Regenjacken ausziehen. Vor uns liegt der lange Abstieg nach Zams,
laut Plan ist ein Höhenunterschied von 2100 Metern zu bewältigen.
Ich bin wie die andern guten Mutes, weil ich keinen Schimmer habe,
was das bedeutet. Vier Stunden später weiß ich es... Der Weg
beginnt sehr steil, so dass viele ihre Teleskopstöcke einsetzen.
Georg hingegen schlendert gemütlich mit den Händen in den
Hosentaschen vor uns her. Er hat die Angewohnheit immer erst in den
Hütten über die Türschwellen zu stolpern, die für ihn
offensichtlich die größere Herausforderung darstellen.
Es ist herrlich, die Sonne im Gesicht zu spüren.
Wir haben das malerische Tat ganz für uns allein. Durch das Zamser
Loch erreichen wir nach langem Marsch den Ort Zams. Hier gibt es ein
Wiedersehen mit Kiki und Joe, der an diesem Tag seinen 50.
Geburtstag feiert. Wir freuen uns, dass sie wieder dabei sind.
Nach der Mittagsrast wollen wir mit der Venetbahn
auf den Krahberg fahren und von dort zur Larcheralm laufen, unserem
Nachtquartier, das mit dem Luxus einer warmen Dusche lockt.
Doch vorher besichtigen wir noch eine Apotheke,
denn wir müssen dringend unsere Vorräte an Latschenkiefertinktur
auffüllen, deren Geruch uns wie eine Erkennungszeichen ständig um
weht. Horst ist knurrig. Es geht ihm nicht schnell genug. Überhaupt
sollen wir gefälligst auf ihn Rücksicht nehmen, nicht umgekehrt.
Wir ignorieren seinen Egoismus soweit wie möglich.
Wieder unterwegs, wird der Weg bis zur Larcheralm
uns lang. Diesmal hat Alex Probleme. Ihre Muskeln sind so
übersäuert, dass ihr jeder Schritt starke Schmerzen bereitet. Doch
sie läuft klaglos weiter. Schließlich lässt sie sich von Manfred,
der wieder mal gutmütig den Packesel spielt, das letzte Stück den
Rucksack tragen Auch mich verlässt allmählich die Kraft. Auf einer
Grassode rutsche ich aus und plumpse unelegant ins Moor. Die Jeans
ist hin, und Spötter schießen neben mir wie Pilze aus dem Boden.
Renate, Thea und Udo hingegen klettern wie die Gemsen.
Endlich ist die Larcheralm erreicht. Ein kleines
Paradies erwartet uns. Die Hütte ist gerade groß genug für die
Gruppe. Wir werden herzlich empfangen.
Zum Abendessen gibt es noch einmal Käsespätzle,
jedoch diesmal richtig leckere. Der Hüttenwirt kommt mit einer
riesigen guseisernen Pfanne der Köstlichkeit an den Tisch und
verspricht eine zweite.
Horst mäkelt wegen mangelnder Abwechslung auf dem
Speiseplan und isst demonstrativ von zu Hause Mitgebrachtes. Doch
den von Joe spendierten Marillenschnaps trinkt er gerne mit. Er und
Udo sprechen dem hochprozentigen Getränk sogar so zu, dass es eine
unruhige Nacht für uns wird. Die beiden Schnapsleichen taumeln
ständig die Treppe rauf und runter, entweder um sich zu übergeben
oder um mit Wasser ihren Nachdurst zu stillen. Alex und Martin, die
unter der Treppe zu schlafen versuchen, hegen Mordgedanken.
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| 4.
Tag: |
Der nächste Tag
erwartet uns mit Bindfadenregen und einem herrlichen Frühstück,
dass die Gedanken an einen weiteren Tag in Nässe erstmal vertreibt.
Doch die Stimmung ist ein bisschen gespannt. Udo ist noch richtig
krank vom Alkohol, Horst spricht ebenfalls kein Wort, wir anderen
können uns die eine oder andere Lästerei nicht verkneifen.
Alex Beinen geht es etwas besser, doch wir müssen
ja wieder bergab. Georg verordnet ihr Morgengymnastik und macht ihr
Mut. Sie beschließt, es zu versuchen. Ich bin beeindruckt und weiß
nicht, ob ich an ihrer Stelle durchgehalten hätte.
Wir versuchen, unsere Laune durch Galgenhumor
wieder herzustellen, was ganz gut funktioniert. Doch Horst grenzt
sich bewusst aus, läuft weit voraus. Udo ist ebenfalls schweigsam.
Ihm geht es sichtlich hundsmiserabel.
Die letzten Meter in den Ort Wenns, von wo aus wir
mit dem Bus nach Mittelberg ins Pitztal fahren wollen, muss Alex
sich von einer freundlichen Autofahrerin mitnehmen lassen.
Aufwärts, so hofft sie, wird es leichter gehen.
Während wir auf den Bus war, kaufen sich Martin
und Alex Regenhosen in einem Sportgeschäft, das sie zwar arm aber
glücklich wieder verlassen. Renate zittert vor Kälte. Sowie man
sich nicht bewegt, wird die Nässe am Körper eisig.
Im Bus dösen wir vor uns hin. Ein besonders
langer Aufenthalt an einer Haltestelle macht uns misstrauisch. Eine
Weile warten wir, dann fragt Georg nach. Zu unserer Verblüffung und
Erheiterung erfahren wir, dass der Fahrer gerade Mittagspause macht.
Fremde Sitten!
In Mittelberg kommt es zu einem Zwischenfall. Weil
die Gletscherstube, in der wir Rast machen wollen, wider Erwarten
geschlossen hat, beschließen wir, direkt zur Braunschweiger Hütte
weiter zulaufen und es uns dort gemütlich zu machen. Doch diese
Idee passt Horst überhaupt nicht. Mit einem lakonischen "Mir
reicht's. Ich gehe jetzt", dreht der Berliner sich um und
stapft samt OASE-Schirm gen Tal. Georg versucht, mit ihm zu
sprechen, doch vergeblich. Wir sind uns nach dem ersten Schreck
schnell einig: kein Verlust! Unsoziale Querulanten haben in einer
Wandergruppe nichts verloren.
Der Aufstieg zur Braunschweiger Hütte ist
ziemlich steil und durch die Mischung von Regen und Schnee auch
glitschig, doch wir können unsere Rucksäcke mit der
Materialseilbahn transportieren lassen, müssen also nur unsere
eigenen Kilos den Berg hoch hieven. Vorbei an einem donnernden
Wasserfall steigen wir langsam in zwei Gruppen bergan. Udo quält
sich sehr. Immer noch behält er nicht einmal einen Schluck Wasser
bei sich, erbricht alles sofort. Im wahrsten Sinne des Wortes mit
"Hängen und Würgen" hält er durch.
Wir schaffen es alle. Auf 2760 Metern wartet unser
gut geheiztes Nachtquartier auf uns. Wir können uns nach Vergnügen
ausbreiten, der Trockenraum hat Platz, die Quartiere sind kalt aber
geräumig und der Wirt versorgt uns mit Kaffee, Tee und Sachertorte.
Wir dampfen an unserem Tisch direkt am trutzigen Kachelofen. Es geht
uns gut.
Nach und nach wird es sogar so warm, dass Kiki
vorübergehend das Fenster öffnen will. Beherzt zieht sie am Griff
und hält im nächsten Moment grübelnd den gesamten Flügel samt
Rahmen in den Händen. Nachdem wir ausgelacht haben, versuchen sich
verschiedene Experten an der Beseitigung des Schadens, was ihnen
zwar nicht gelingt doch eine lebhafte technische Diskussion in Gang
setzt. Als Bauingenieur Joe anfängt sich zu langweilen, setzt er
den Rahmen mit einem Handgriff wieder ein.
Zum Abendessen gibt es Geschnetzeltes und
Kaiserschmarrn, was uns vorübergehend in gefräßiges Schweigen
versetzt Anschließend überredet uns Kiki zu ein paar Runden Maumau.
Verstohlen schauen wir danach auf die Uhr und gähnen. Es ist erst
Neun, da kann man doch eigentlich nicht schon ins Bett gehen, oder?!
Man kann!
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| 5.
Tag: |
Noch ist es dunstig,
doch der Wirt verspricht am Morgen: Es wird ein sonniger Tag!
(Georgs Prognosen bringen wir inzwischen ein gewisses Misstrauen
entgegen.) Gute Aussichten für die Überquerung des Rettenbach
Jöchls. Für einige von uns ist es das erste Mal, dass sie auf
über 3000 Meter Höhe stehen, und wir sind ein bisschen Stolz. Der
Blick auf die Ötztaler Bergriesen ist erhebend.
Danach erwartet uns ein ausgelassener Abstieg
über den Gletscher. Unter blauem Himmel und strahlender Sonne
laufen, rutschen und kugeln wir durch den völlig unberührten
Schnee, mal auf dem Allerwertesten, mal mit der Nase voran. Jetzt
müsste man Skier dabei haben!
Wir erreichen den Bus, der uns über das Seiter
Jöchl auf die Tiefenbachseite bringen soll, pünktlich auf die
Minute. Kaum haben wir es uns in den Sitzen bequem gemacht, müssen
wir wieder aufstehen. Doch der Rest der Tagesetappe über den
Panorama-Höhenweg nach Vent ist mühelos zu bewältigen. Mit kaum
Höhenunterschieden, dafür aber einem herrlichen Blick laufen wir
hintereinander her und können endlich einmal draußen rasten.
Kiki und ich versuchen uns in einer neuen Variante
des "PP" (Panorama-Pinkelns). Die Fotografen können sich
nur mit Mühe davon abhalten, unsere kleine Einlage zu knipsen. Die
Murmeltiere und Schneehühner haben indessen weniger Skrupel als
Zuschauer. Wegen des großen Erfolgs erledigen die weiblichen
Mitglieder der Tour ihre elementaren Bedürfnisse fortan immer in
der Gruppe, was Martin schließlich zu der wissenschaftlichen
Äußerung treibt, dass das "bei Frauen wohl genetisch sein
müsse".
Auf einer Wiese oberhalb von Vent lassen wir uns
die Sonne auf den Bauch scheinen und genießen die Aussicht auf die
Berge und den Abend im Hotel mit heißer Dusche, Sauna und
Kamienfeuer. Jetzt wissen wir die Erungenschaften der Zivilisation
wieder zu schätzen. Doch die vergangenen Tage möchte keiner
missen.
Unser Einzug ins Hotel vollzieht sich dank Kiki
spektakulär, die alle uns auf der Treppe Entgegenkommenden mit
einem "Weg da, wir kommen vom Gletscher!" vertreibt. Recht
hat sie. Warmduscher sind das alles hier, Tagestourler,
Neigschmeckte. Aber wir kommen vom Berg, wir sind die Harten. Ja
voll! (Jetzt aber schnell unter die heiße Brause. Ach wie
herrlich!)
Nach ausgiebigen Reinigungsorgien und einer
entspannenden Schwitzkur treffen wir uns zum Abendessen wieder. Alte
haben gezaubert: ein frisches T-Shirt hier, eine saubere Hose dort,
ein bisschen Farbe auf den Lippen und geföhnte Haare. Waren wir
jemals schöner? Schwerlich.
Thea trägt es mit Fassung, dass auch diese
Herberge das Wort "vegetarisch" offensichtlich nicht
kennt. Einen Teller mit Reis und Erbsen, die sich in der
Gesellschaft von Speckstücken befinden, lässt sie zurückgehen und
ahnt was ihr bevorsteht: Bratkartoffeln, Spinat und Rührei.
Gelassen kaut sie die Gründonnerstags-Köstlichkeit.
Der Rest des Abends vergeht im Nu mit einem Glas
Wein vor dem knackenden Kaminfeuer. Der kommende Tag ist schon der
letzte Wandertag.
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| 6.
Tag: |
Laut Plan erwartet
uns nach dem reichhaltigen Frühstücksbuffet eine gemütliche
Wanderung zur Martin-Busch-Hütte, bei der wir erstaunlich ins
Schnaufen geraten. Nur Kiki nimmt das wörtlich und sprintet voraus,
als gäbe es heute Kilometergeld. Das Wetter ist uns zunächst
gewogen, doch während wir weiter zur Si milaunhütte steigen,
hüllen uns Wolken ein und umgeben uns mit einem feinen Sprühregen.
Der stürmische Wind treibt die Feuchtigkeit durch die Kleidung.
Georg erzählt Alex auf ihre Frage nach der
Entfernung etwas von "noch drei Kurven", womit er sie
erstaunlicher weise die nächsten zwei Stunden zufriedenstellt. Erst
als wir bei Kurve 27 aufs Gletschereis schliddern, wird sie
allmählich argwöhnisch. Ohne Ortskenntnisse ist man bei diesem
Wetter aufgeschmissen. Man muss wissen, wo die Wegmarkierungen zu
suchen sind, um sie zu finden. Aber wir erreichen gegen Mittag
tatsächlich die Similaunhütte und sind in Italien angekommen.
Bei starkem Wind und kräftiger Kalte steigen wir
nach der Rast ins Schnalstal ab. Allmählich wird die karge, fast
vegetationslose Landschaft wieder lieblicher - und feuchter. Der
Regen will uns zum Ende unserer Tour noch einmal zeigen, wer hier
der Herr ist. Egal.
Nach einer letzten Pause auf einem Südtiroler Hof
mitten zwischen Schafen besteigen wir am Vernagt-Stausee zwei
Kleinbusse und werden uns plötzlich bewusst, dass das unsere
letzten Wanderschritte waren. Durch das Schnalstal fahren wir nach
Meran, vorbei an Reinhold Messners Schloss Juval, vorbei auch an
Obstplantagen und Weinstöcken.
Der Fahrer lobt uns. Er habe schon viel
erschöpftere Gruppen abgeholt Wir seien ja richtig fröhlich. Was
für ein sympathischer Mann. Dann beginnt er von der Historie
Südtirols zu erzählen und hört nicht wieder auf. Thea, die neben
ihm sitzt, muss fleißig nicken. Was für ein anstrengender Mann.
Nach einer Dreiviertelstunde im Berufsverkehr
erreichen wir das Hotel - und werden gleich wieder ausquartiert.
Etwas mit den Buchungen hat nicht geklappt, so dass wir uns auf drei
Herbergen verteilen müssen. Doch zum Abendessen treffen wir uns und
finden um in einem Esssaal mit dem Charme eines Sanatoriums wieder.
An einer langen Tafel speisen wir unter Neonlicht und sind umgeben
von Methusalems.
Die anschließende Planung wird durch den
Bindfadenregen zunichte gemacht. Keiner hat Lust, in die miefige
Jacke zu steigen und auf der Suche nach einer lauschigen Laube durch
die Nacht zu irren. Schließlich landen wir in dem Hinterzimmer
eines der drei Hotels, wo wir immerhin Wein und Hintergrundmusik
bekommen. Jeder entschließt sich für sich, friedlich zu bleiben.
Nach einer solchen Woche wollen wir uns den letzten Abend nicht
durch miese Stimmung versauen. Ohnehin war die letzte Etappe
anstrengend. Die Federn rufen.
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| 7.
Tag: |
Am reichhaltigen
Frühstücksbuffet sind wir die ersten. Zwischen acht und halb neun
soll uns der Bus abholen und wieder nach Oberstdorf bringen.
Natürlich kann der Himmel heute kein Wässerchen trüben. Doch
dafür haben wir auf der Heimfahrt noch einmal ausgiebig Zeit, uns
umzuschauen und die Urlaubsbilder-Galerie im Kopf zu
vervollständigen.
Gegen 14 Uhr erreichen wir das Allgäu. Ein paar
von uns beschließen, noch etwas trinken zu gehen, die anderen
machen sich auf die Heimfahrt.
Der Abschied fällt schwer. So eng haben wir eine
Woche lang zusammengelebt uns gegenseitig bei unseren Zipperlein
geholfen, Freud und Leid geteilt. Wir waren eine gute Gruppe. Am
liebsten möchten wir im nächsten Jahr zusammen die Anschlusstour
von Meran nach Verona laufen. Doch im Stillen weiß jeder, dass sich
ein solches Erlebnis nicht wiederholen lässt.
Auf den Fotos werden wir die Tour noch einmal in
Gedanken laufen, dabei den Regen schon vergessen haben und noch ein
bisschen an der Urlaubsstimmung hängen, bevor uns der Alltag wieder
vereinnahmt. Doch nicht ganz. Immerhin wissen wir jetzt dass wir
keine Warmduscher sind, sondern Gebiergswanderer, für die der Weg
von Oberstdorf nach Meran doch allenfalls mittelschwer ist.
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