Pressebericht: Ein
Traum in weiß
Skitourengehen abseits der Pisten will gelernt sein,
doch dann gehören die Berge dir!
Wer wünscht sich das nicht: statt lange an der
Gondel anzustehen, einfach die Berge hinauf gehen, abseits
des Gedränges auf der vereisten Piste, und schließlich
im unberührten Tiefschnee ins Tal zurück schwingen?
Jahrelang hatte ich den Tourengehern immer nur neidisch
hinterher schauen können, in diesem Jahr wollte
ich endlich selbst dazu gehören! Aber wie gefährlich
ist es, sich ins verschneite Gelände zu begeben?
Immer wieder hört man Meldungen von Lawinenopfern.
Deshalb kann man sich nicht einfach ein Paar Tourenski
oder ein Tourensnowboard kaufen und loslegen. Also meldeten
wir uns bei der Oberstdorfer Bergschule OASE AlpinCenter
zum Skitouren-Einsteigerwochenende in den Allgäuer
Alpen an. Vor unserem Quartier, dem urigen Starzelhaus
im Kleinwalsertal, wird am Morgen die Ausrüstung
verteilt - darunter das Wichtigste: der Lawinenpiepser.
Um im stressigen Ernstfall auch richtig damit umgehen
zu können, muss man eigentlich ein Jahr lang üben.
Da wir aber mit Matthias einen erfahrenen und vertrauenswürdigen
Führer dabei haben, machen wir uns trotz nicht
unerheblicher Schwierigkeiten bei der Trockenübung
mit dem Piepser auf unsere erste Tour.
Lawinensicherheit geht vor Gipfelsturm
Zunächst wandern wir auf einem geräumten
Weg - das ist nicht sehr spannend, aber wir lernen,
nicht über die eigenen Skier zu stolpern. Endlich
biegen wir vom Weg ab und graben uns einen Weg durch
den hüfthohen Pulverschnee. Um ehrlich zu sein,
gräbt vor allem Matthias, der zum einen die Kraft
und Ausdauer dafür hat (schon wer als Zweiter hinter
ihm geht, bekommt das Gewicht der Schnees und der Skier
mit jedem Schritt zu spüren). Und zum anderen genießt
es unser Bergführeraspirant, eine eigene Spur zu
legen und die beste Route zu wählen. Denn markierte
Wege gibt es hier nicht. Alleine die Beschaffenheit
des Geländes und des Schnees bestimmen, welche
Richtung der Tourengeher einschlägt. Die Sonne
scheint, die Landschaft liegt unberührt und tief
verschneit vor uns: Dies ist der Moment, von dem wir
so lange geträumt haben! Der tolle Neuschnee verhindert
leider auch, dass wir den eigentlichen Gipfel bezwingen
können. Die Hangneigung beträgt mehr als 35
Grad. Bei Lawinenstufe drei, wie sie für den heutigen
Tag angegeben ist, ist das Risiko zu hoch. Wir begeben
uns also nur auf einen kleinen Hügel und freuen
uns stattdessen an der Landschaft, der Stille rings
um uns und dem tollen Schnee. Die erste Abfahrt zeigt,
dass in diesem weißen Puder niemand das Tiefschneewedeln
beherrschen muss, um heile hinunter zu kommen. Wer fällt,
landet einfach nur weich. Aber es macht natürlich
schon mehr Spaß, wenn man ohne Angst und mit Spaß
an der Bewegung hinuntergleiten kann.
Kurzes, aber geniales Abfahrtsvergnügen
Am zweiten Tag unseres Wochenendes wählen wir am
Morgen anhand der Alpenvereinskarte und des Lawinenlageberichts
eine recht anspruchsvolle Tour aus. Nach einem langen
und steilen Aufstieg brauchen wir alle eine Pause. Matthias
ist natürlich noch nicht erschöpft und nutzt
die Gelegenheit, uns ein Schneeprofil zu graben. Anhand
der verschiedenen Schneeschichten, die er zutage fördert,
erklärt er, wie groß die Gefahr ist, dass
die Schichten ins Rutschen kommen. Das Schaufeln dauert
sehr lange. Aber wer sich an einer kritischen Stelle
befindet und nicht umdrehen oder eine andere Route wählen
kann, sollte das in Kauf nehmen. Denn so gut die Lawinenpiepser
auch sein mögen - die Überlebenschancen in
einer Lawine sind nicht sehr hoch
Die Belohnung
für den Aufstieg ist eine grandiose Abfahrt an
einem Nordhang, an dem die Sonne den Schnee noch nicht
aufgeweicht hat. Da es so schön ist, müssen
wir den Hang gleich noch mal hinauf (das dauert über
eine halbe Stunde) und wieder runter (das dauert keine
zwei Minuten). Herrlich! Sind wir jetzt fit für
unsere erste Tour auf eigene Faust? Mit reichlich Respekt
vor den Bergen, mit sämtlicher Lawineninfo aus
dem Internet und vom lokalen Wetterdienst, mit einem
Buch über leichte Skitouren und großer Vorfreude
schnallen wir am nächsten Wochenende unsere Felle
unter die Ski. Immer wieder denken wir an Matthias und
seine guten Tipps und genießen dieses Ski-Erlebnis
der ganz anderen Art. Die Welt scheint sich langsamer
zu drehen hier oben, jeder findet seinen eigenen Rhythmus
- die Berge gehören uns.
Ute Kluge
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